Filigrane Werke mit Bodenhaftung

Zwei, die zusammen gehören: Monika Flütsch mit einer ihrer typischen Kühe im Hintergrund. Auf allen Vieren arbeiten für das grosse Werk der Alphütte in Davos.
Wer den Prättigauer Höhenweg als Pauschalangebot bucht, erhält als Zugabe regionale Köstlichkeiten, verpackt in einem Lunchsack oder, wie wir Prättigauer sagen, einem «Spiispüntel». Dabei lohnt sich für einmal auch ein Blick auf die Verpackung, respektive auf den Steinbock, der darauf abgebildet ist. Bei diesem Bündner Wappentier handelt es sich nämlich um eine Arbeit der bekannten St. Antönier Scherenschnitt-Künstlerin Monika Flütsch-Gloor.

Zwischensaison. In  St. Antönien sind nur zwei Wanderer, dafür mehrere Handwerker und Baufachleute unterwegs. Die ruhige Zeit wird in einem Tourismusort wie St. Antönien genutzt, um notwendige Sanierungsarbeiten zu erledigen. Auch im ehemaligen Postbüro in der Dorfmitte wird emsig gearbeitet. Monika Flütsch kniet im grossen Raum, die Brille auf die Nasenspitze geschoben und schaut über die Umrandung skeptisch auf die Zeichnungen, die vor ihr liegen und den halben Raum einnehmen. Die Skizzen und zum Teil fertigen, federleichten Scherenschnitte zeigen die vielfältigen Tätigkeiten rund ums Älplerleben und werden demnächst eine viel besuchte Alphütte in Davos zieren. Aber bis es soweit ist, gibt es noch einiges zu tun für Monika. Nicht nur muss sie alles mit dem Cutter, dem Messer und dem Scherchen gestalten, das filigrane Werk muss auch auf ein grosses Holzbrett gebracht werden und sollte schlussendlich sogar dem manchmal garstigen Bergwetter Stand halten.
Skizzieren, ein wichtiger Bestandteil der Arbeiten. Arbeiten mit scharf geschliffenem Scherchen... ...und Messerchen.
 
Die Idee
«Ich wollte immer die Kunstgewerbeschule besuchen», sagt Monika. Aber die Tochter mit 16 Jahren ganz alleine nach Zürich gehen zu lassen, das hat ihrer Mutter überhaupt nicht behagt, und so blieb Monika in ihrem Heimatort Klosters und besuchte die Handelsschule in Davos, welche sie 1978 mit dem Handelsdiplom abschloss. «Meinen erlernten Beruf habe ich aber schnell einmal an den Nagel gehängt und bin mit dem Skilehrerdiplom in der Hosentasche abgedüst», blickt die 54-jährige zurück.  Drei Jahre lang war sie ohne Unterbruch Skilehrerin. Wie das geht? «Na ja, im Winter in Klosters und im Sommer in Neuseeland und Australien», erklärt sie, streicht sich die dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht und meint lachend «i bin än biz umerghüeneret!» Heute ist sie hier in St. Atönien stark verwurzelt und bezeichnet ihre Familie als ihr grösstes Projekt. Ihre Familie, das sind Ehemann Jann, der in der Kulturgruppe engagiert ist und ein Plattenleger-Geschäft leitet, die Kinder Stefanie, 24 Jahre alt, Nicole, 22 Jahre und Cornel 20.  Hier mag sie die Kargheit, die Rauheit der Berge, läuft lieber täglich in die Höhe, auf «ds Chrüz» oder den Eggberg, statt sich mit vielen Menschen zu umgeben. Ein wenig wie ein Steinbock halt.  «Luaga», beobachten, das macht sie gerne, nur für sich, ohne Ablenkung, allein in der Natur. «So komme ich zur Ruhe, erhalte neue Ideen.»

Die Zeichnung
Traditionell werden beim Scherenschnitt oft Alpaufzüge gezeigt. «Das ist nicht mein Stil». Und trotzdem wurde Monika bekannt mit einer Kuh, mit «derä narrä Chuä», wie sie selbst sagt. Sie hat ihre Kuh einfach etwas anders gestaltet; lässt sie, mit überdimensionaler Plümpe, auf den Hinterbeinen stehend, lachend tanzen. Die Kuh bedeute für sie Boden, Erde, die Schweiz, sagt Monika. Aber ganz zufrieden ist sie trotz des Erfolgs nicht. Sie meint, dass diese Kuh sie etwas in ihrer Entwicklung behindere, weil alle «nur diese Kuh» möchten. Nun kommt eine erstaunliche Aussage über die Lippen der Künstlerin, die sich lieber als Kunsthandwerkerin bezeichnet: «Scherenschnitt ist Fleissarbeit, das kann jeder». Denn die Technik des Schneidens mit Messer und Schere lasse sich problemlos erlernen. Die Hauptarbeit hingegen, betont Monika, liege  in der  Idee, dem Entwurf und dem Reinzeichnen.
Unglaublich filigran. Scherenschnitt einmal anders.
Zum Scherenschnitt kam Monika über ihre Mutter. Diese organisierte in der «Wärchstube» Klosters Scherenschnittkurse mit Susanne Schläpfer. Hatte sie zu wenig Teilnehmerinnen, stiess Monika als «Lückenbüsserin» dazu. Nach dem ersten Kurs, das war 1993, sagte die Kursleiterin zu Monika, sie melde sie an die Schweizerische Scherenschnitt-Ausstellung an. Drei Werke durfte Monika daraufhin an der Ausstellung 1995 präsentieren. Ab diesem Zeitpunkt gehörte sie dazu, konnte in Gruppenausstellungen kantonal, national und sogar über die Pro Helvetia in China ihre speziellen Werke zeigen. Zwei Jahre später trat sie der Präkuscha bei, der Vereinigung Prättigauer Kunstschaffender. Den Kontakt zu diesen KünstlerInnen, die gemeinsamen Ausstellungen, findet Monika sehr anregend. «Das bringt mich auf ganz andere, neue Ideen.» So zieht sie ihre Werke manchmal auf Leinwand auf, oder versucht sich mit dem abstrakten Geäst eines Baumes.

Das Schneiden
«Jöö, wie härzig», lautet ein vielgehörter Ausspruch, wenn jemand einen traditionellen Scherenschnitt  im Detail anschaut. Für Monika jedoch vorrangig ist der erste Blick auf das grafische Werk, das Ganze und erst dann die Details. Eine Spezialität sind die herausgearbeiteten Formen und Schatten, welche sich beim näheren Betrachten als Edelweiss-Arrangements erweisen. Früher hat sie ihre filigranen Werke im Wohnzimmer gemacht, nie haben ihre Kinder etwas zerstört, höchstens beim Mittagessen die Bemerkung fallen lassen: «Mama, jetzt hat es bereits Scherenschnitt-Schnipsel in der Suppe!» Seit drei Jahren hat sich ihr Arbeitsweg verlängert, auf zwanzig Schritte, ins ehemalige Postbüro gleich gegenüber ihrem Zuhause. Die Lichtverhältnisse im Raum sind sehr gut und zudem weist die ehemalige Posttheke eine ideale Höhe auf, um daran mit Messer und Schere zu arbeiten, an einer Schlitten fahrenden Kuh oder einem neugierig blickenden Steinbock. Wurde Ihr Interesse geweckt am Scherenschnitt oder beabsichtigen Sie demnächst St. Antönien zu besuchen? Dann schauen sie doch ins St. Antönier Heimatmuseum. Auf Ihr Klopfen wird Ihnen Monika die Tür öffnen, denn angrenzend an ihr Atelier befindet sich das Postchäller-Museum.

Text / Fotos: Marietta Kobald, www.luaga.ch